Rebekka Rauschhardt Kunst

Sechs Wandteppiche zu sechs verschiedenen durchaus menschlichen Geschichten habe ich 2010 angefertigt. In allen sechs Geschichten spielt die Gewalt (gegen sich selbst, gegen andere, gegen Fremde, gegen Freunde, gegen Feinde, gegen ganze Völker, gegen jegliches) und die Zärtlichkeit (im Sinne von jeglichen Formen der Liebe, der Solidarität und immer als selbstlos gegebener Schutz bis zum Schluss) eine Rolle.   
            
                 Vom großen Fressen oder der Beweis
                                                      Größe: 3,70 Meter x 4,08 Meter



Der erste Geschichtenteppich handelt vom riesengroßen, echt richtigen und wichtigen und alles entscheidenden Beweis, auf den wirklich alle (vor allem die Toten leider umsonst) gewartet haben. Tarraaaa: Wir haben Hunger. Also sollten wir uns etwas zu essen besorgen (zum Beispiel: Kühlschrank, Kaufhalle oder jagen gehen, pflücken, sammeln, oder geeigneter: anbauen, ackern, säen, züchten, pflegen, schützen, beten). Wir essen reichlich und regelmäßig.
Dann sind wir satt.
Uns geht es hervorragend.
Unsere Körper sind gesund und munter.
Das ganze mehr oder weniger gute Essen wird in unseren Mägen sortiert, hier und dahin umgesetzt, versorgt …
Und jetzt kommt der einzig mögliche und mit allen Sinnen wahrnehmbare Beweis für den Prozess: Jeder von uns (auch alle Frauen) müssen die nicht notwendigen Reste wieder heraus bringen. Ganz genau, schrecklich, bizarr und stinkend. Die Menschheit liebt Beweise.
Wer den besten hat, hat auch die Macht. Hierbei geht es nicht um die Wahrheit, sondern um Rhetorik und die besten Geschäfte der Welt (Sex & Munition). Das menschliche Handeln kommt nicht um die Notwendigkeit des Beweisenwollens aus. Ein Beweis steht für Sicherheit, auch Wahrheit, Echtheit und Beständigkeit, manchmal. Die Beweisfindung und Beweissetzung, erfolgt sie mitunter auch willkürlich und den Mächtigen gegenüber äußerst positiv, erfolgt sie nach dem natürlichen Verwertungsprinzip: Essen, danach Verdauen und schließlich Ausscheiden. Und das ausgeschiedene Resultat entspricht dem Beweis
.


                                        Das Vertrauen und das Chaos
                                                     Größe: 3,18 Meter x 2,68 Meter



Die zweite Geschichte handelt in Hochgeschwindigkeit vom Chaos.
Das Chaos macht den Menschen Angst und muss mit allen nur erdenklichen Mitteln und Waffen tunlichst verhindert werden. Chaos ist Kontrollverlust. Das Chaos ist aber auch die Stunde Null, die Geburtsstunde alles Möglichen. Möglicherweise ist das Chaos der einzige Kosmos, der uns Menschen zur Verfügung steht – im Leben, wie im Tode.
Darf unter diesen chaotischen Zuständen Vertrauen entwickelt werden?
Vertrauen ist sowieso eine recht naiv enthusiastische Verhaltensart von Verrückten oder Idioten oder welchen, die es nicht besser wüssten. Und doch erlebt fast jeder Mensch in der Welt etwas, wo er Vertrauen fassen wird – wenn er ein Kind bekommt. Jedes Kind ist sein eigener Mensch, ein einziges Chaos – die Eltern vollkommen ausgeliefert. Und doch: sie vertrauen ihrem Kind.
Dargestellt ist der Zustand vom Werden oder vom Vergehen.
Das Chaos als Dynamisches System birgt neben Bewegung und Veränderung auch Unsicherheit und Kontrollverlust. Jedoch handelt diese Arbeit auch vom vollsten Vertrauen, von Risikobereitschaft und schlicht Lebensfreude.


                                  Tränenteppich
                                                       Größe: 3.12 Meter x 3 Meter



Der dritte Geschichtenteppich handelt von einem winzigen Ausschnitt sämtlichster geweinter Tränen von Frauen. Tränen geweint aus reiner Ohnmacht, dem Ende der Welt, Geweint um ihre verlorenen Kinder (angeschossen, zerbombt, verstümmelt, tot), ihre Männer (zerlöchert, zerfetzt, misshandelt, gefoltert, tot) und ihre Väter (zerrieben, zermatscht, geschändet, tot).
Niemand hat diese Tränen, diese Meere an Tränen gesammelt.
Alle diese Tränen sind in Haaren versunken, den Hals runter gelaufen, haben Kleider durchnässt, sind in Dreck und Staub verschwunden.
Niemand möchte Zeugnis ablegen.
Die laufende Träne ist für mich ein Symbol des totalen Stillstandes, der Ohnmacht und sie erbringt, einmal ins Rollen gebracht, weder körperliche noch seelische Erleichterung. Antiken Tränengefäßen gleich, sammle ich hier in einem kleinen Ausschnitt die geweinten Tränen, welche normalerweise in Taschentüchern und Kopfkissen tropfen oder einfach auf die Erde fallen. Tränen sind emotionale und bittere Kostbarkeiten.


                            Wahnsinn als Refugium
                                                      Größe: 3,20 Meter x 3,75 Meter


Der vierte Geschichtenteppich handelt vom Wahnsinn, als eine unendliche Spirale.
Dieser ist für Maya W., welche im Jahre 2010 ihren eigenen Wahnsinn nicht mehr aushielt und sich mit Hilfe eines Zuges, sich auf entsetzliche Weise selbst getötet hat.
Warum auch immer der Wahnsinn als eine Art des Lebens, als eine Art des Refugiums, ausbricht oder schon immer da gewesen war: man erkennt ihn an der Unmöglichkeit zwischen Innen und Außen unterscheiden zu können. Tja, und leider hat der Wahnsinn in unserer Welt nichts verloren – er ist an sehr stillen Orten, unterwegs auf Einbahnstraßen.
Die Spirale des Wahnsinns erweitert sich….
Innen und Außen sind nicht mehr voneinander zu unterscheiden. Das Material: Gardinen und Brautkleider symbolisieren diese Unfähigkeit der Unterscheidung, sind sie doch naturbedingt die Grenztextilien. Gardinen am Fenster, Grenze zwischen draußen und drinnen – Brautkleider an den Bräuten als letzte jungfräuliche Bastion, Grenze zwischen vor und nach der Ehe.
Wahnsinn als Refugium, der Rückzug in die eigene Welt, das „Nicht mehr funktionieren können, wollen, müssen, sollen“; steht hier im Vordergrund. Dieses Paralleluniversum ist oft die einzige Möglichkeit für Betroffene weiter zu leben.


                             Das Wissen ist überall
                                                     Größe: 3,20 Meter x 2,45 Meter


Der fünfte Geschichtenteppich handelt von Sinn und Unsinn. Von unseren Bedürfnissen und unserem Wissensschatz. Das Wissen von Etwas ist und war immer da und überall und zwar Alles, was es jemals überhaupt zu wissen gab. Allein der Bedarf an Spezialwissen ändert sich täglich. Sehr schade ist, dass die Menschen sich immer nur einen winzigen Teil aus dem Konglomerat allen Wissens auszuwählen wissen und dann auch dieses als Einziges ehren und dann den gigantischen Rest als absoluten Unsinn, Quatsch und Schlimmeres abtun.
Das Wissen ist immer dar und überall.
Das Unnütze sowie das Nützliche.
Das Wissen ist Ausgangspunkt worüber wir verfügen. Im vollsten Wissen und Gewissen. Und je nach Stimmung, Macht, Beliebigkeit und Rücksichtslosigkeit.
Das Wissen in Schläuchen kann demnach angezapft werden für Unserereins.
Visualisiert aber auch die Grenze unserer menschlichen Fähigkeiten und Möglichkeiten – unsere ganz eigene durchaus menschliche Grenze.


                 Der Ort der unausgesprochenen Worte
                                                     Größe: 2,68 Meter x 2,86 Meter





 
Und der sechste Geschichtenteppich handelt von dem Ort der unausgesprochenen Worte.
Jeder von uns wird in seinem Leben mit Situationen, Begegnungen und Informationen
konfrontiert, die er auf jeden Fall für sich behalten wird (eine uneingestandene Liebe, ein
Verrat, eine verpasste Chance, Gefahr, Scham, Lügen).
Sicher, manche Geheimnisse sind ausschließlich dazu da, sie wenigstens einer Person ganz im Vertrauen, mit Schwur und allem dazugehörigen Getue; zu erzählen.
Aber manche Geheimnisse werden nie erzählt.
Diese Geheimnisse werden mit ins Grab genommen – jeder von uns, weiß auch warum.
Dadurch, dass die Geheimnisse zwar da sind aber nicht sichtbar gemacht werden und zwar
niemals: schützen wir uns selbst, schützen wir unsere Liebsten, schützen Freunde, Feinde, alle.
Unausgesprochene Worte sind der totale Schutz. Auf unserer Welt gibt es unvorstellbare
Mengen an unausgesprochenen Worten, niemand weiß davon.

Nun ja, ich habe mir hiermit die künstlerische Freiheit erlaubt, einen Ort zu erfinden, wo ein beliebiger Teil der unausgesprochenen Worte ihr Zuhause bekommen.
Die Ähnlichkeit zu Pfauenaugenfedern lässt sich nicht leugnen.
Pfauen sind seltsame Vögel, so überhaupt nicht in Camouflage – Königsvögel, gezüchtet und
bewacht in besonderen Gärten. Wunderschön mit schrecklichen Stimmen.
Gerettet, damit nicht jeder gemeine Fuchs, fetter Kater, junge Hund oder hungriger Wolf ratzefatze Schluss mit den in allen Farben schillernden Vögeln macht, auf deren Köpfchen
sogar kleine Blumensträuße an Pfauenfeder-Miniaturen wachsen.
Die Pfauenmänner habens nicht leicht. Nur die mit dem prächtigsten Schwanz, mit dem
makellosesten Rad und den kräftigsten Farben – nur diese werden Nachkommen haben, die
wissenschaftlich „erwiesen“ genetisch betrachtet, die Gesündesten werden.
Nun, die Pfauenfrauen wissen das.
Die Welt ist ungerecht, lapidar ausgedrückt.
Deshalb auch Gewalt UND Zärtlichkeit.

Hintergrundinformationen:
Zugegeben, als ich mich 2010 an diese Arbeit zu den Teppichen machte, war ich ausnahmslos
mindestens vier Monate lang unheimlich wütend.
Wütend macht mich Meinungsmache, Ignoranz und Dummheit. Angst und wohlmeinende einlullende Sicherheit, leere Versprechen, Kleindenkerei und Habgier und Besitzdenken, ha und meinemeinemeine und Schuld sind die anderen … machtgeiles Konsumiergehabe,
Besserwisserei, Unfähigkeit und diese ewigen Lügenmärchen, die Zeitklauer und jegliches
lebensverachtendes Bauchgepinsel der zivilisierten Art.
Auch deshalb sind alle verwendeten Materialien zumindest für den Wandteppich der
unausgesprochenen Worte samt und sonders gestohlen. Mit großer Freude habe ich in den
einsamen Stunden der Nacht Kleiderspenden überfallen und leer geräumt.
Dieses verloren gegangene Selbstbewusstsein der Menschheit, diese falsche Art … Mitgefühl
Sonntagnachmittag reicht einfach nicht. Weder dieses, noch Trost, noch Zeit, werden Wunden
vernarben lassen.
Sicher, wer die Freiheit für sich und andere will, darf nicht vergessen:
„Freiheit ist immer die Freiheit der anderen, sich zu äußern“ (wird oft nicht zitiert – eine
Schande!) Rosa Luxenburg … aus den Verhörprotokollen
Und Freiheit hat ihren Preis. Freiheit ist niemals umsonst und Freiheit ist nur möglich durch
Verantwortung.